Andacht am Abend des Neujahrestages 2021

Frau die ein Herz in der Hand hält
Bildrechte: Katja Hogh www.edenarts.de

Eingangsgebet
Unser Abendgebet steige auf zu dir, Herr,
und es senke sich auf uns herab dein Erbarmen.
Dein sind die Tage und dein sind die Nächte.
Ein neues Jahr hat begonnen.
Vieles aus dem alten lassen wir zurück,
manches nehmen wir mit.
Wir können noch nicht sagen,
ob es ein gutes Jahr wird,
aber wir wissen,
dass es seine Höhen und Tiefen,
seine Licht- und Schattenseiten,
seine schönen und traurigen Momente haben wird.
Und wir vertrauen darauf,
dass du, Herr, bei allem unser Begleiter bleibst,
dass du uns hältst und stärkst,
uns trägst und segnest. Amen.


Psalm 23
Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit
werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben
im Hause des HERRN immerdar.


Meditation
Das letzte Jahr, o Gott, habe ich von dir empfangen. Ein neues Jahr liegt vor mir. Das Alte möchte ich dir zurückgeben mit allem, was gewesen ist. Das Neue will ich dankbar annehmen.
In der Stille schaue ich auf das Jahr, das vor mir liegt.

Welchen Menschen werde ich wohl begegnen?
Wie werde ich ihnen begegnen?
Worauf freue ich mich?
Was macht mir Angst?
Möchte ich etwas im alten Jahr zurücklassen?
Was belastet mich noch?

Gott, du weißt, welche Menschen und Situationen in Gedanken jetzt an mir vorübergezogen sind. Du weißt, worauf ich mich freue und du weißt, was mir Angst macht. In meinem Dank und in meiner Bitte bringe ich all das vor dich. Du kennst mich besser, als ich mich selbst kenne. Du weißt, wie ich mich bemühe, gut und liebevoll zu leben, und du kennst meine Schwachheit und mein Versagen.
Danke, dass du mich annimmst.
Du sagst mir immer wieder aufs Neue zu: „Du bist wertvoll in meinen Augen, und ich habe dich lieb, darum fürchte dich nicht, ich bin bei dir.“
Segne du mein Tun und Lassen. Wandle in Segen, was im letzten Jahr hinter mir liegt.
Bewahre mich und alles in deinem Frieden im kommenden Jahr. Amen.

Jahreslosung:
Jesus Christus spricht: 
Seid barmherzig, 
wie auch euer Vater barmherzig ist.


Auslegung
Was ist Barmherzigkeit? Während ich mir diese Frage gestellt habe, kam mir immer wieder in den Sinn: sag doch einfach Mitleid. Das versteht man besser. Also: „Habt Mitleid, wie auch euer Vater Mitleid hat“? Aber ist das wirklich das Gleiche? Barmherzigkeit und Mitleid? 

Bei meinen Versuchen, eine Erklärung dazu zu finden, bin ich immer wieder darauf gestoßen, dass Barmherzigkeit beziehungsweise „barmherzig sein“ etwas mit Gott zu tun hat oder seinen Ursprung in der Bibel findet. Es gibt so viele Aussagen und so viel Mut machendes, was die Bibel uns über den barmherzigen und liebenden Gott sagt, der uns auffordert, so barmherzig zu sein, wie er es ist. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter kommt mir in den Sinn oder der Psalm 23 den wir gemeinsam gebetet haben. Die Barmherzigkeit ist eine der größten und bedeutendsten Eigenschaften Gottes. Und man kann diese Eigenschaft auch bei den Menschen finden.

Nun wenn ich selbst nicht ganz sicher bin, wie ich etwas definieren soll, dann könnte ich einem meiner unzähligen Lexika nachschlagen, die in meinem Regal stehen. Oder ich frage eben Wikipedia.
„Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an.“ heißt es da. Mit dem Herzen hat Barmherzigkeit also zu tun. Ja gut das steckt im Begriff ja schon mit drin.
„Barmherzigkeit bezeichnet eine existenzielle Betroffenheit im Innersten und ein Tun, das mehr ist als bloßes Gefühl des Mitleidens.“

Also ist Mitleid doch nicht das Gleiche wie Barmherzigkeit.

Nach meinem Verständnis ist Mitleid ein Gefühl, das durch das Leid eines anderen ausgelöst wird. Mitleid kann entweder lediglich traurig machen oder auch zu einer Aktion führen, um das Leid des anderen zu verringern.
Mitleid ist eines der unzähligen Gefühle, die zu empfinden wir Menschen in der Lage sind.
Barmherzigkeit dagegen ist eine Eigenschaft. Eine Eigenschaft Gottes und von den Menschen, die anderen überdurchschnittlich viel Verständnis entgegenbringen. Barmherzigkeit ist eine Motivation, die für andere das Beste will. Es muss noch gar kein Leid vorliegen. Barmherzigkeit kann sich auch zeigen ohne dass das gegenüber in Schwierigkeiten steckt. Und noch etwas unterscheidet Barmherzigkeit von Mitleid. Die Tat. Mitleid kann man empfinden. Barmherzigkeit bringt einen zum Handeln. 

Ich habe dieses Jahr die Karte für die Jahreslosung ausgesucht. Eine Frau ist darauf zu sehen, ihr Haar und ihr Mantel wehen im Wind. In der Hand hält sie ganz vorsichtig ein Herz. Ihre rechte Hand hält sie schützend darüber… oder vielleicht traut sie sich gar nicht es richtig zu berühren. 
Ihr Kopf ist geneigt, ihre Wange zum Herz gedreht. Wenn ich fühlen möchte wie weich etwas ist, eine kuschelige Decke oder das Fell einer Katze, dann fasse ich es nicht nur mit meinen Händen, mit meinen Fingerspitzen an, dann halte ich etwas ganz nah an meine Wange. Sehr viel feiner kann ich dadurch spüren. Oder wenn ich ein Kind ganz fest in den Arm nehme, lege ich meinen Kopf schief und drücke meine Wange an seinen Kopf. Das ist Hinwendung, wirklich ganz zart nachspüren.
Hier sind keine Gesichtszüge gemalt, keine Augen zu erkennen und trotzdem hätte ich es so beschrieben: die Frau hat nur Augen für dieses Herz, sie hat nur Augen für die Liebe.

Ich denke, die Künstlerin hat versucht Barmherzigkeit zu malen. Das Herz in der Hand steht für die Liebe. Wenn wir die Liebe zum Nächsten, die Liebe zu den Geschöpfen um uns herum, ganz nah, ganz zärtlich und feinfühlig an uns heranlassen, dann gewinnen wir Barmherzigkeit für die anderen und empfinden nicht nur Mitleid.

Unser einzigartiger Schöpfer ist von Liebe motiviert. Spätestens, wenn wir im Neuen Testament forschen, erkennen wir deutlich, wie groß Gottes Liebe ist: Sie war sogar bereit, das Größte für die Schöpfung zu tun, nämlich den eigenen Sohn zu opfern. Gott zeigt nicht ein bloßes Mitgefühl für die Schandtaten der Menschen, sondern er lässt in sein Herz blicken. Liebe, das ist die prägende Eigenschaft des Gottes, der nichts Anderes vor Augen hat als seine „Kinder“.

Diese Liebe mündet in Barmherzigkeit, die die Grundlage seines Handels ist. Würde Gott nur aus Mitleid handeln, würde es bereits keine Menschen mehr geben. Weil er aber aus Barmherzigkeit agiert, schlägt sein Herz auch dann für jeden Einzelnen, wenn dieser immer noch seine eigenen Wege geht.

Lassen wir uns von der Liebe Gottes inspirieren, dann werden aus Worten Taten. Lieben wir ihn, dann können wir nicht mehr achtlos an unseren Mitmenschen vorbeigehen. Vertrauen wir Gott, wird kein Weg zu anstrengend und keine Hürde zu hoch sein.

Für Gott ist Barmherzigkeit kein Zeichen von blankem Mitgefühl. Sie ist vielmehr seine unbeschreibliche Liebe, seine Sehnsucht, die großartige Güte und vor allem die Gnade, die er jedem Menschen entgegenbringt, ohne Ausnahme. Selbst als er das Wichtigste geben muss, um seiner Schöpfung zu beweisen, wie ernst er es meint, nimmt er auch dieses Opfer für uns in Kauf.
Er schickt seinen Sohn auf die Welt, um zu zeigen, wie er selbst ist. Er bringt Vergebung, Liebe und Hoffnung auf und in diese Welt. Er wird klein, um für uns verständlich zu sein. Er scheint schwach, um uns stark zu machen. Er scheint verloren, um uns zu gewinnen. Er stirbt, damit wir leben können. Gott hat nichts Anderes vor Augen als uns. Seine Liebe ist der Herzschlag, der uns aufwecken will.

Also diese Jahreslosung, sie ist nicht nur ein Appell: Seid Barmherzig!! Da geht es ja weiter. Wir werden nicht mit Unschaffbarem allein gelassen. „Wie auch euer Vater barmherzig ist“. Gerade an Weihnachten haben wir wieder davon erfahren. An Ostern wird es noch einmal ganz stark aufleuchten. Gott schaut uns Menschen, Gott schaut dich und mich barmherzig an. Ganz nah an seine Wange drückt er uns, nimmt uns in den Arm wie ein kleines Kind, nicht nur einmal, sondern in Ewigkeit. Amen.

 

Gebet
Gott, du nimmst dich deiner Menschenkinder barmherzig an. Du gedenkst deiner Menschen jetzt und in Ewigkeit.

Wir sind in Gedanken bei allen, 
die das neue Jahr voller Erwartungen und freudig begrüßt haben.
Die Pläne schmieden und Träume hegen.
Die hoffen und wagen.
Wir bitten dich: Nimm dich ihrer an.

Wir sind in Gedanken bei allen, 
die nur zögerlich nach vorn schauen.
Die fürchten, was sie erwartet.
Die zaudern und zögern.
Denen das alles zu neu, zu unbekannt, zu offen ist.
Wir bitten dich: Nimm dich ihrer an.

Wir denken an alle,
die auch am Beginn dieses neuen Jahres
ihrer Not und ihrem Elend nicht entkommen sind,
die keine Perspektive sehen.
Verzweifelte. Vom Leben Gebeugte.
An der Welt Zerbrochene.

Wir bitten dich: Nimm dich ihrer an.
Wir sind in Gedanken bei denen,
die wir an unserer Seite wissen,
wenn wir in dieses neue Jahr gehen,
und bei denen, die wir vermissen.
Wir bitten dich: Nimm dich ihrer an.


Vaterunser
Vater unser im Himmel
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit. Amen.


Segen
Gott, die lebendige Quelle aller Hoffnung, Kraft und Liebe, segne dich, dass dein Leben reich wird, Frucht bringt und sich erfüllt; 
und behüte dich, dass du bewahrt bleibst vor allem Unheil an Leib und Seele.  

Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir, dass du dich getröstet weißt und geborgen in jedem Augenblick; 
und sei dir gnädig, dass auch in dunklen Zeiten Zeichen der Hoffnung aufleuchten.

Gott erhebe sein Angesicht auf dich, dass dich die Strahlen göttlicher Liebe durchwärmen 
und deinem Leben Richtung weisen; 

und gebe dir Frieden, dass deine Zerrissenheit heilt und du in Einklang leben kannst mit dir und der Welt.